Internationale Bildung: Die Ausgangslage

Die Internationalisierung der deutschen Hochschulen wird vorwiegend unter außenpolitischen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Im Hochschul-Bildungs-Report 2020 – Jahresbericht 2015 wird eine andere, seltener gewählte Perspektive eingenommen, die Sicht der Wirtschaft auf die Internationalisierung der Hochschulbildung. Die ökonomische Sichtweise soll die anderen Perspektiven sinnvoll ergänzen.

Ausländische Studierende in Deutschland

Nach einer Umfrage von McKinsey und Stifterverband für den Hochschul-Bildungs-Report 2020 sind 50 Prozent der Unternehmen zur Deckung ihres Fachkräftebedarfs schon heute auf ausländische Absolventen angewiesen. 66 Prozent glauben, dass dies in Zukunft noch mehr der Fall sein wird. Deshalb ist es positiv zu bewerten, dass immer mehr ausländische Studierende nach Deutschland kommen. Aber wie vielen ausländischen Studierenden sollte in Deutschland ein Studium ermöglicht werden, wie und nach welchen Kriterien lässt sich der Zustrom lenken und wer bezahlt schließlich für das Studium der ausländischen Studierenden?

Diese Fragen stellen sich immer drängender. Setzt sich die Entwicklung der Bildungsausländerzahlen (durchschnittliches Wachstum pro Jahr von 8,1 Prozent) in den kommenden Jahren unverändert fort, wird sich die Anzahl der Studienanfänger mit ausländischem Pass insgesamt von 102.000 im Jahr 2013 auf 257.000 im Jahr 2025 erhöhen. Sie werden dann vier von zehn Studienanfängern stellen. Knapp 25 Prozent der Hochschulausgaben werden bei einer solchen Entwicklung für Studierende mit ausländischem Pass aufgewendet werden.

Entwicklung der Studienanfängerzahlen

Für einen ausländischen Berufseinsteiger muss Deutschland deutlich mehr investieren als für einen inländischen Berufseinsteiger. Der Grund: Ausländische Studierende brechen deutlich häufiger ihr Studium ab, als deutsche Studierende (41 Prozent vs. 28 Prozent Studienabbruch). Zudem kehren 54 Prozent der ausländischen Studierenden Deutschland nach ihrem Studium den Rücken – trotz eines besonders guten Arbeitsmarktes. Für einen deutschen Berufseinsteiger muss der Staat deshalb rund 45.500 Euro für die Hochschulausbildung investieren, für einen ausländischen Berufseinsteiger rund drei Mal so viel, nämlich 134.200 Euro. Der Fokus von Politik und Hochschulen sollte deshalb in den kommenden Jahren auf eine Senkung des Studienabbruchs, auf eine höhere Verbleibquote in Deutschland und auf eine langfristige Finanzierung des Studiums von ausländischen Studierenden gerichtet sein.

Der Hochschul-Bildungs-Report 2020 zeigt auf, welche Schritte Hochschulen, Politik und Unternehmen in den nächsten Jahren gehen sollten, um ein für ausländische Studierende attraktives und ein an den Bedarfen der deutschen Arbeitsgeber ausgerichtetes Hochschulsystem bis zum Jahr 2025 zu schaffen. Die Empfehlungen reichen von der Einführung von standardisierten Leistungstests für ausländische Studierende, über eine bessere Nutzung des Fachkräftepotenzials von Flüchtlingen bis hin zum Aufbau einer profilierten deutschen Marke auf dem internationalen Weiterbildungsmarkt.

Internationale Kompetenzen für deutsche Studierende

Die Internationalisierung der Hochschulbildung für deutsche Studierende ist der zweite Schwerpunkt des Reports. Die Unternehmensumfrage von Stifterverband und McKinsey zu internationalen Kompetenzen zeigt: Im Schnitt nimmt die Hälfte der deutschen Unternehmen Auslandserfahrung als ein zentrales Einstellungskriterium wahr. In Abhängigkeit der Branche kommt diesem Auswahlkriterium sogar eine noch größere Rolle zu: Im High-Tech-Sektor geben 73 Prozent der Unternehmen Auslandserfahrung als wichtiges Kriterium für die Auswahl ihrer Mitarbeiter an.

Trotzdem stagniert die Auswärtsmobilität deutscher Studierender. Seit dem Jahr 2000 liegt der Anteil der Studierenden, die während ihres Studiums ins Ausland gegangen sind, bei rund 30 Prozent. Der Anteil der Studierenden mit einem Auslandspraktikum ist sogar von 17 auf 13 Prozent zurückgegangen. Lehramtsstudierende sind besonders wenig mobil.

Im gleichen Zeitraum haben sich die Zielländer der deutschen Studierenden im Ausland verschoben. Immer mehr deutsche Studierende immatrikulieren sich in den Nachbarländern Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien und Luxemburg. Lag deren Anteil 2001 noch bei 28 Prozent, so gingen 2012 mehr als die Hälfte (53 Prozent) aller deutschen Studierenden in diese fünf, teilweise deutschsprachigen Nachbarländer. Dem Auslandsstudium in diesen Ländern liegen eher Gründe wie ein hoher Numerus Clausus im Wunschfach in Deutschland zugrunde als die Idee, interkulturelle Erfahrungen im Ausland zu sammeln.

Deutsche Studierende im Ausland

Studierende aus bildungsfernen Schichten gehen immer noch deutlich seltener ins Ausland als Studierende aus bildungsnahen Elternhäusern. Mit einer Auslandsgarantie sollte der Bund gewährleisten, dass ein Auslandsstudium nicht am Geldbeutel scheitert.

Die Auslandsmüdigkeit deutscher Studierender liegt auch daran, dass sie zunehmend am Nutzen eines Auslandsstudiums zweifeln. Im Jahr 2001 gaben noch 63 Prozent der Studierenden an, ein Auslandsstudium hätte einen hohen oder sehr hohen Nutzen für die eigenen beruflichen Aussichten und 62 Prozent attestierten ihm einen hohen Nutzen für die persönliche Entwicklung. Innerhalb von 10 Jahren sind diese Werte um mehr als 10 Prozentpunkte auf 51 beziehungsweise 52 Prozent gesunken.

Umso dringender ist es, das Studium in Deutschland zu internationalisieren, darunter auch die dualen Studiengänge und die MINT-Fächer. Die Digitalisierung der Hochschulbildung kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.